„Manchmal raten wir vom Beginn der Ausbildung ab”

Berufswahl

Interview mit Dr. Werner Kurrat, der als Arzt in der Asklepios Nordseeklinik in Westerland auf Sylt arbeitet. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt auf der Betreuung von Erwachsenen mit chronischen Hauterkrankungen.

Im Bereich der Rehabilitation beschäftigen wir uns regelmäßig mit den Einschränkungen der beruflichen Aktivität durch Hauterkrankungen bzw. mit den negativen Einflüssen, die die Arbeit auf die Krankheiten hat. Wir beraten aber auch Jugendliche mit einer Hauterkrankung bei der Berufswahl. Dies erfolgt nach einer gründlichen Diagnostik und unter Berücksichtigung der beruflichen Interessen der jungen Menschen.

Grundlagen der dermatologischen Berufsberatung

  • bisheriger Krankheitsverlauf
  • aktuelle Hautbefunde
  • zusätzliche Erkrankungen und Allergien
  • berufliche Interessen und Stärke der Motivation
  • ggf. Untersuchungen, wie Hautfunktionstestungen zur Ermittlung der Widerstandsfähigkeit der Hautoberfläche oder Allergietestungen

Liegen relevante Kontakt- oder Inhalationsallergien gegenüber Berufsstoffen vor, die am Arbeitsplatz nicht vermeidbar sind, raten wir vom Beginn der Ausbildung ab. Auch bei einem stark ausgeprägten Hautbefund an den Händen ist es nicht sinnvoll, einen Beruf zu wählen, bei dem es zu einer starken Verschmutzung, mechanischen Belastung oder ständigen Feuchtigkeitsbelastung (sehr häufiges Händewaschen, regelmäßiges Tragen luftdichter Handschuhe) kommt.

Bereiche mit hohem Risiko für berufsbedingte Hautkrankheiten

  • Frisöre (rückläufig durch das Verbot allergener Chemikalien für Dauerwellen, die Nutzung nickelfreier Scheren etc.)
  • Heil- und Pflegeberufe
  • Nahrungsmittelverarbeitende Berufe (z. B. Bäcker)
  • Metallverarbeitende Berufe
  • Bauberufe (etwas rückläufig durch chromatarmen Zement)
  • Maler und Lackierer
  • Reinigungsberufe

Natürlich ist die Motivation der Betroffenen mitentscheidend. Sind die Jugendlichen zu einer eigenständigen Hauttherapie mit intensiver Pflege und optimalem Hautschutz bereit, besteht eine realistische Chance, die angestrebte Berufsausbildung erfolgreich abzuschließen. Kommt es im Verlauf dennoch zu berufsabhängigen Hautproblemen, sollten sich die jungen Menschen umgehend an einen Hautarzt bzw. eine Hautärztin und die Berufsgenossenschaft wenden. Gemeinsam wird dann nach Präventionsstrategien gesucht (z.B. Hautschutzseminare).

Praxisbeispiel

In unserer Sprechstunde stellte sich eine junge Frau mit einer seit Geburt bestehenden, deutlich sichtbaren Hauterkrankung vor. Der Betriebsarzt des Arbeitgebers hatte sie geschickt, da er Bedenken wegen einer infektiösen Fremd- und Selbstgefährdung durch die Tätigkeit in der Krankenpflege hatte.

Nach ausführlicher Befragung und Untersuchung wurde festgestellt, dass die Betroffene in ihrem Leben gelernt hat, mit der sehr empfindlichen Haut sachgerecht umzugehen. Sie vermied mechanische Belastungen der Haut und konnte durch eine optimale Wundtherapie Infektionen der Haut verhindern. Bis auf wenige Ausnahmen konnte sie alle pflegerischen Tätigkeiten durchführen. Zu starke mechanische Herausforderungen konnten an andere Pflegekräfte delegiert werden. Weder das Tragen von Handschuhen noch die regelmäßige Händedesinfektion führten zu einer Verschlechterung des Hautzustandes.

Somit ergaben sich aus dermatologischer Sicht keine Gründe, die Tätigkeit in der medizinischen Einrichtung abzubrechen. Ausschlaggebend waren die hohe Motivation der jungen Frau und ihre Kompetenz im Umgang mit der verletzlichen Haut. 

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